Mein ganz persönliches Einkaufserlebnis

Ja ich bin Amazon Kunde. Zumindest dann, wenn es um CD’s geht. Einfach, weil es keine Musikgeschäfte mehr gibt. Bücher bestelle ich bei meiner lokalen Buchhandlung. Die Angestellten dort berechnen keine Versandkosten und sind sehr nett. Eine Prime-Mitgliedschaft ist dafür nicht notwendig.

Zurück zu Amazon. Dem Vernehmen nach hat Amazon das sogenannte “persönliche Marketing” bereits perfektioniert. Die analysieren meine “digitale Körpersprache” und wissen dadurch, was ich mir wünsche. Und das bereits, bevor ich das überhaupt weiss. Das ist sehr praktisch, denn ich kann mich in der Regel schwer entscheiden.

Schauen wir also einmal auf meine heutige persönliche Willkommensseite:

Ich brauche unbedingt den kindle Paperwhite, sagt Amazon. Gut, sie wissen nicht daß ich bereits lese und gedruckte Bücher sind eben out. Ein eBook Reader kommt mir aber nicht ins Haus. Wie sollte ich das den freundlichen Menschen in meiner Buchhandlung erklären?

Weiterhin bekomme ich alle CD’s des Musikers Rick Springfield und der Band Bon Jovi gelistet. Das macht zunächst ansatzweise Sinn, da ich kürzlich in der Tat gezielt nach sogenannten Remasters dieser Künstler gesucht habe. Zur Erklärung: Remasters sind klangtechnisch aufpolierte Neuveröffentlichungen von Musikproduktionen, die schon einige Jahre auf dem Buckel haben. Wenn ich recht überlege, habe ich schon einige Male Remasters aus den 80er und 90er Jahren bestellt. Die Muskrichtung ist auch immer ähnlich, – ich bin da zugegebenermaßen recht einseitig.

Wenn wir mit dem “persönlichen Marketing” schon da wären, wo die Anbieter hinwollen, dann müsste Amazon mich jetzt gezielt mit Angeboten aus den Kategorien “Rock der 80er und 90er Jahre” und “Remastered” ansprechen. Tun sie aber nicht. Stattdessen bekomme ich alle Rick Springfield und Bon Jovi Alben aufgelistet. Wahllos. Lustigerweise auch solche, die ich bereits bei Amazon bestellt habe. Vielleicht kennen sie meine Wünsche also doch nicht so genau? Ist aber auch schwer…

Weiter mit Rick Springfield. Der Mann ist nicht nur Rockmusiker sondern hat darüber hinaus auch eine im englischen Sprachraum vielbeachtete Biografie geschrieben, jüngst seinen ersten Roman veröffentlicht und obendrein in den 80er und 90er Jahren in einigen Filmen und Fernsehserien mitgespielt. Kurzgesagt, er ist ähnlich vielseitig wie ich! Wäre nun die Logikmaschine bei Amazon genauso klug wie Rick und ich, dann würde sie mir als Reaktion auf meine Suche nach CDs vom guten Rick, eben diese Autobiografie, den Roman oder DVDs mit seinem schauspielerischen Werk anbieten. Tut sie aber auch nicht.

Besonders lieb gewonnen habe ich die Kategorie “Inspiriert von ihren Shopping Trends”. Da sieht man immer wieder, welch verhängnisvolle Folgen fehlinterpretierte Inspiration haben kann: Da finde ich heute die Fernsehserie “Golden Girls” (das waren die albernen, rüstigen Omis), den “Prinz von Bel Air” (einer unfassbar infantilen Comedy Serie mit Will Smith) und – ohne Quatsch jetzt – den Film “Sidekicks” mit Chuck Norris. (Chuck Norris – der Karate-Imitator mit dem versteinerten Gesichtsausdruck). Ich schwöre dabei, ich habe niiiiieee nach Chuck Norris, Will Smith oder gar den Golden Girls (zumindest nicht nach diesen…) gegoogelt. Wie kommt Amazon also darauf?

Moment mal, all diese Filme und Serien sind aus den 80ern und 90ern. Da war doch was mit meinem Muskgeschmack… Sollten die bei Amazon etwa glauben, ich würde mein ganzes Konsumverhalten auf die Vergangenheit ausrichten? Aber wo bleiben dann neben Rick Springfield, Klassiker wie McGyver, Knight-Rider oder das A-Team?  Alles Zufall also. Mein wahre Leidenschaft, das “experimentelle Kurzfilmkino mit interaktiver Second-Screen Multi-Media Performance”, ist auf jeden Fall noch unentdeckt geblieben.

Dann gibt es noch die “Empfehlungen basierend auf ihren besuchten Seiten” Da sind überwiegend irgendwelche Download Apps gelistet. Die Logik für diese Empfehlungen bleibt im Dunkeln –  Nur soviel: Weiter könnte Amazon meine Interessen nicht verfehlen…

Zum Schluß noch was lustiges: Ab und zu sehe ich mir ja auch auf Amazon Produkte an, um diese dann im lokalen Einzelhandel zu bestellen. Dabei ist mir klar, daß dies in der Regel anders herum läuft. Ich verstehe mich aber als Robin Hood des lokalen Einzelhandels. Das geht soweit, daß ich auch mal Dinge kaufe, die ich gar nicht benötige, – einfach nur aus Pflichtgefühl. Aber das tut nichts zur Sache. Ich hatte mir also einmalig auf Amazon spezielle Schnellhefter angeschaut, und diese dann beim lokalen Bürobedarfshändler bestellt. Seitdem versucht mich meine persönliche Amazonseite unermüdlich für Mappen und Schnellhefter jedweglicher Fasson zu begeistern. Da sind sie wirklich hartnäckig.

Zusammenfassend ist meine Beobachtung, daß aktuell auch das ausgereifteste persönliche elektronische Marketing nur sogenanntes “Guess-work”, also rein auf dem historischem Kauf- oder Surfverhalten basierende Annahmen zu Grunde legt. Das führt zu in der Regel zu Angeboten in Bereichen, in denen mein aktueller Bedarf bereits gedeckt ist. Dies trifft logischerweise dann zu, wenn sich der Anbieter (so wie Amazon) im wesentlichen -noch- seiner eigenen Daten bedient.

Gewinnen werden die Anbieter, welche nicht nur Angebote machen, die dem letzten Kauf oder der letzen Suchanfrage entsprechen. In Zukunft wird es darum gehen, den nächsten ‘Wunsch” des Konsumenten zu antizipieren. Hier stehen wir erst am Anfang einer Entwicklung, die neben den eigenen Daten zunehmend weitere Profilinformationen aus sozialen Netzwerken oder Webseiten anderer Anbietern einbeziehen wird. Wundern sie sich also nicht, wenn sie irgendwann einmal über Facebook mitteilen, daß sie jetzt Gitarrenunterricht nehmen, – und einige Minuten später ihre persönliche Amazonseite die Golden Girls durch Gitarrensaiten ersetzt…

Ich danke den Mitarbeitern der Tönisvorster Buchhandlung, ohne die dieser Blogeintrag nicht möglich gewesen wäre

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