Wie wichtig darf Fußball sein?

Ich habe gerade das Gefühl nachzutreten. Das ist nicht meine Art. Ich bin aber verstört über die Art und Weise, in der die brasilianische Fußballnationalmannschaft gestern abend im Halbfinale emotional zusammenbrach, nachdem sie sich vorher bis fast zur Hysterie in eine Art göttliche Mission Titelgewinn hineingesteigert hatte. Oder waren die Spieler nur Getriebene – gehetzt durch die enorme Erwartungshaltung im eigenen Land?

Zum Mitsingen der Nationalhymne stehe ich, aber die Inbrunst mit der die Spieler die Worte hinausschleuderten, das hatte Anflüge von Fanatismus. Daß zwei Mitspieler das Trikot des verletzten Superstars Neymar während der Hymne an Ihr Herz hielten, als wäre er nicht verletzt, sondern umgebracht worden, das gab mir ein ungutes Gefühl. Die Vermischung von Jubel und religiösen Gesten sowie plakative Inbrunst gehören nicht auf einen Fußballplatz. Fußball bleibt ein Spiel, es ist nur Unterhaltung. Wenn dann nach dem Abpfiff ein gestandenener Spieler wie David Luiz tränenüberströmt Worte ins Mikrofon stammelt, daß es ihm leid täte, die “Hoffnungen all der armen Leute im Land” nicht erfüllt haben zu können, dann muss die Frage erlaubt sein, ob er überhaupt (noch) versteht, wie die Sorgen und nicht erfüllten Hoffnungen der Menschen in den Favelas wirklich aussehen.

Tatsache ist, daß das Publikum im Stadion (welches sichtbar und auch ehrlich litt), ganz bestimmt nicht all die armen Leute im Land repräsentiert, sondern primär die sorgenfreie, gehobene Mittelschicht. Mir tat auch der Spieler Fred leid, der zugegebenermaßen sehr unglücklich agierte. Dennoch: Wie ist es zu bewerten, wenn der Mann zum alleinigen Sündenbock gemacht, und vom Publikum aufs Übelste beschimpft und verhöhnt wird? Da führt die kollektive Begeisterung schnell an den schmalen Grat zur Verachtung und Hexenjagd.

Ich weiss auch, daß ich die brasilianische Mentalität nicht mit meiner ostwestfälischen vergleichen darf. Ich verstehe die südamerikanische Kultur nicht und auch den Karneval feiere ich meistens allein zuhaus. Dennoch frage ich mich vor welchen Herausforderungen eine Gesellschaft wirklich steht, wenn ein Spiel eine derartig zentrale Bedeutung erlangen kann. Oder ist das alles nur die große Emotionsshow, weil es dem Zeitgeist entspricht?

Fankultur ist Fankultur, dazu gehören Lieder, völlige Begeisterung, abgrundtiefe Trauer und die bedingungslose Verbrüderung von Massen. Dennoch glaube ich,  daß das damit einhergehende “himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt”, oft auch Ausdruck einer unbewussten Sinnsuche ist. Der Sinn des Lebens oder die Werte eines Gemeinwesens können nicht durch – oder auf dem – Fußballplatz definiert oder gar verteidigt werden. Gesellschaftliche Herausforderungen dürfen nicht mit dem großen Pinsel sportlicher Euphorie übermalt werden. Ablenkung und Zerstreuung  ja, falsche Götzenbilder nein!

Vom gestrigen “Wunder von Belo Horizonte” werden mir primär die abschließend sehr persönlichen Gesten zwischen den Spielern der beiden Teams und den jeweiligen Betreuerstäben in Erinnerung bleiben. Man spürte, daß von einigen brasilianischen Spielern eine enorme Last abfiel. Welchen Druck hätten sie erst in einem Finale aushalten müssen? Ich wünsche Ihnen beim Spiel um den dritten Platz ein ähnlich unvergessliches Erlebnis, wie es der deutsche Mannschaft in Stuttgart 2006 zum Abschluss ihres Sommermärchens zuteil wurde.

Denn auch gefallene Helden müssen Helden bleiben.

 

 

 

 

 

 

 

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